Ist Ihnen der Text zu lang? Sie finden Sie hier eine Kurzversion
Gern möchte ich Sie einladen, während Sie diesen Text lesen, kleine Pausen einzulegen, den Blick durch den Raum schweifen zu lassen und durchzuatmen. Die Auseinandersetzung mit Trauma kann doch beinahe in jedem von uns etwas anrühren und Teil der traumsensiblen Begleitung ist es, darauf hinzuweisen, wo Überforderung beginnt und Gefühle der Betroffenheit in uns groß werden, diese ernst zu nehmen, dann gern einen Schritt zurück zu machen und wieder Boden unter unseren Füssen zu spüren.
Ein Trauma ist eine “Wunde”, eine seelische Verletzung, ausgelöst durch extrem belastende Ereignisse, die unsere gewöhnlichen Bewältigungsmechanismen übersteigt. Diese Ereignisse können kurzfristig auftreten oder andauernd und langfristig geschehen. Um eine Traumafolgestörung zu diagnostizieren und entsprechende Behandlung zu erhalten, muss die betroffene Person über - wie das Wort bereits sagt - Störungen klagen, die in Folge des Ereignisses auftreten. Nicht jeder Mensch reagiert gleich auf belastende Ereignisse und das macht die Anerkennung, dass bestimmte Symptome Folgen einer Traumatisierung sind, so empfindlich. Zwar gibt es klar festgelegte psychische und körperliche Beschwerden, die eine Diagnose ermöglichen und gleichzeitig fühlen sich Menschen oft nicht gesehen, wenn sie Leidensdruck spüren, der nicht die in die Kriterien passt oder sie etwas erlebt haben, dass im Allgemeinen nicht unter Trauma verstanden wird. Die Diagnosemanuale werden ständig überarbeitet und entwickeln sich parallel zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und Forschung, Diese Aktualisierung nimmt aber Jahre in Anspruch und es vergeht viel Zeit, bis eine entsprechende Behandlung bei Betroffenen ankommt. Damit ist nicht gesagt, dass jeder Mensch Traumafolgen trägt und das jedes Symptom darauf zurück zu führen ist. Und doch bin ich dankbar, in einer Zeit zu leben, in der dieses Thema viel Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommt und wir als Begleitende um diese Erkenntnisse wissen.
Für uns alle ist es wichtig, Sicherheit zu spüren. Dies ist ein tief und biologisch angelegtes Bedürfnis und sichert unser Überleben als Menschheit. In Sicherheit zu sein bedeutet unter anderem, dass als Neugeborene unsere grundlegenden Bedürfnisse gestillt werden und dass wir als Heranwachsende und Erwachsene ein Gefühl erleben von: hier bin ich sicher, das kann ich bewältigen. Das s.g. Stresstoleranzfenster beschreibt einen optimalen Aktivierungszustand des Nervensystems, in dem Emotionen reguliert, klar gedacht und Herausforderungen bewältigt werden können. Bei Überlastung verlassen wir den regulierten Bereich durch Übererregung (Stress) oder Untererregung (Erstarren). Mit dem Stresstoleranzfenster verwandt ist eine weitere biologische Anlage in uns, die Überleben sichert: das Bindungssystem. Wir sind aufeinander angewiesen, nicht nur wenn wir geboren werden. Bindungen bleiben unser Leben lang eine Bedingung für Gesundheit. Stress, mit der eventuell einhergehenden Stressreaktion kann durch äußere Ereignisse, wie Umweltkatastrophen, Unfälle oder Krieg entstehen und gleichermaßen zwischen uns Menschen aktiviert werden, wenn wir Vernachlässigung, physische und psychische oder sexuelle Gewalt und Grenzüberschreitung erleben. Können wir dieses Erleben nicht abschließend bewältigen und leiden in Folge dauerhaft an Über- oder Untererregungszuständen, sprechen wir von einer traumatischen Erfahrung. Wir können wieder einmal erahnen, wie sensibel die menschliche Natur ist und uns gleichzeitig vor Augen führen, wie gut wir als Spezies ausgestattet sind, mit Stress umzugehen und Gleichgewicht zu finden.
Die Fähigkeit Erregungszustände zu balancieren, wächst im Laufe unserer Entwicklung. In den ersten Lebensjahren sind wir dabei auf unsere Gegenüber angewiesen, sie co-regulieren unseren Stress, bis wir es selbstständig können. Haben wir keine zuverlässigen Bindungspersonen und bleiben mit Stress oft allein, kann sich dies in Form von neuronalen Netzwerken in unserem Körpergedächtnis abpeichern und in verschiedenen Stresssymptomen ausdrücken. Als Kleinkinder sind wir vor allem fühlende, körperliche Wesen und versuchen später dann immer noch verzweifelt Sicherheit zu kreieren. Vielleicht haben wir aber gleichzeitig nicht gelernt, wie es geht oder erkennen dieses Bedürfnis nicht. Aus diesem Dilemma heraus entwickeln wir Bewältigungsstrategien, die an der eigentlichen Lösung vorbei gehen, uns aber erst einmal Erleichterung verschaffen.
Ich möchte an dieser Stelle wertschätzen, wie klug und nachvollziehbar dieses Verhalten ist. Wir dürfen lernen, uns für unsere Strategien nicht zu verurteilen. Was auch immer wir erlebt haben, eine plötzliche Katastrophe, ein schmerzlicher Verlust, Gewalt oder eine unsichere Bindung, unsere Reaktionen darauf sind vielfältig, logisch und im Grunde arbeiten sie für uns. Dies anzuerkennen ist bereits ein Schritt, einen Umgang damit zu finden und Erfahrungen behutsam zu integrieren.
Bei einem Trauma oder Bindungstrauma spricht man nicht von Heilung. Eine traumatische Erfahrung kann vielmehr integriert werden als Teil unserer Geschichte. Ungeschehen machen oder gar auflösen können wir diese Ereignisse nicht. In uns allen existiert aber auch ein unversehrter, heiler Anteil und diesen Anteil können wir spüren und stärken lernen ohne am traumatischen Ereignis selbst zu arbeiten. Wir integrieren dann auf körperlicher Ebene, in der Beziehung zu uns selbst und unserer Innenwelt und in Beziehung zu Anderen. Es ist möglich, korrigierende Erfahrungen zu machen und zu erleben, dass wir jetzt und hier sicher sind. Diese Prozesse brauchen Zeit, Übung und Zuwendung und weiten sanft das Stresstoleranzfenster, das vielleicht aufgrund der Ereignisse bei manchen von uns enger angelegt ist.
Da Stress ein körperliches Phänomen ist, ist es sinnvoll diese Ebene bewusst und wiederkehrend mit positiven Impulsen zu versorgen und sich als körperliches Wesen besser kennenzulernen. Was wir in sicherer Atmosphäre entdecken, bildet ebenfalls ein (neues) neuronales Netzwerk und stärkt unsere Fähigkeit, Stress einzuordnen und über gewisse Zeit zu empfinden ohne in eine Stressreaktion zu rutschen.
Die Behandlung von Traumafolgen oder Stressreaktionen, so wie ich sie erlernt habe, ist vor allem ressourcenorientiert und nicht aufdeckend oder vergangenheitsbewältigend. Das bedeutet nicht, das ich etwas ignoriere oder mit Positivem überdecken möchte. Wir arbeiten mit dem Hier und Jetzt und fördern Stabilität und Containment (die Fähigkeit, Gefühlszustände zu halten und zu verarbeiten).
Auch das Verstehen von Dynamiken und Zuständen oder körperlichen Vorgängen in uns mit Hilfe der Psychoedukation ist ein Teil des Weges. Dies verschafft Verständnis für uns selbst (und andere) und bildet oft ein fehlendes Puzzlestück. Es tut sehr gut, einen AHA-Moment zu haben.
Sich zu zeigen und anzuvertrauen- das kann ein Wagnis sein. Ich bin bemüht, Ihnen dafür eine sichere Basis zu bereiten.